Zocken bis die Kanzlerin kommt: PC- und Online-Spiele zum Thema Politik

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Politik hat schon manchmal etwas von einem Spiel: Da wird gemauschelt und betrogen, mit (fast) allen Mitteln für ein Ziel gekämpft und oft heißt es am Ende nicht “der Beste gewinnt”, sondern “Dabeisein ist alles”. Sogar die Wissenschaft hat sich mit dieser Metapher auseinandergesetzt und festgestellt, dass tatsächliche viele politischen Entscheidungen “spielerisch” zustande kommen. Da liegt es dann doch nahe, das ganze auch als wirkliches “Spiel” umzusetzen. Natürlich müssen dabei aber einige Abstriche gemacht werden, denn wer schon einmal an einer sechsstündigen Haushaltsdebatte in einer niederbayerischen Kleinstadt teilgenommen hat, weiß: Politik kann auch ziemlich öde sein. Am Computersspielmarkt gibt es deshalb wohl nur eine überschaubare Anzahl von Spielen, die einen Schwerpunkt auf “Gesellschaft & Politik” haben. Bewusst wurden an dieser Stelle reine Gesellschaftsspiele (z.B. Die Sims), Wirtschaftssimulationen (z.B. Siedler) oder Kriegssimulationen (z.B. Supreme Ruler 2020) ausgeblendet. Übrig blieben die nachfolgend dargestellten.

1. PC-Spiele

Den Inhalt von “Demokratie ”, so Hersteller FIP Publishing GmbH, macht den Spieler zum Präsidenten oder Premierminister eines modernen Staates, der nach einem einfachen demokratischen System regiert wird. Man braucht über 50 Prozent der Stimmen bei jeder Wahl, um im Amt zu bleiben. Ziel des Spiels ist es, so lange wie möglich im Amt zu bleiben – es gibt keine Beschränkung der möglichen Amtszeiten.” Das hört sich doch ganz nach dem Traumspiel vieler Politiker an. Das Spiel kostet ca. 8 Euro.

Der Politiksimulator von Soulfood Music Distribution ist „ein spannendes, wirtschaftliches und geopolitisches Simulationsspiel mit hochaktuellen und realen Hintergrundstatistiken. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Staats- oder Regierungschefs (Präsident, Monarch, Premierminister o.ä.) eines beliebigen derzeit in der UN Charta geführten Landes, und kann in den folgenden Bereichen handeln: Wirtschaft, soziale Angelegenheiten, Militär, Innen- und Außenministerium, Ökologie, Kultur etc. Jedes Land der Welt ist mit allen Eigenheiten und Parametern vorhanden – insgesamt mehr als 400 Daten und Fakten pro Land. Der Spieler wählt aus mehr als 1000 verschiedenen Handlungsmöglichkeiten: Gesetze, Steuern, wirtschaftliche Verträge , Meetings, militärische Operationen, Geheimdienste, Bauvorhaben, Regierungsänderungen und vieles mehr.“ Das hört sich sehr komplex an und scheint an eine echte Simulation politischer Vorgänge sehr nahe ran zukommen. Das hat auch Herbert Aichinger von der Süddeutschen Zeitung zu einem Test veranlasst. Sein Fazit: “Der “Politik Simulator” ist nichts für Gelegenheitszocker, die zwischendurch mal ein bisschen Merkel, Putin oder Bush spielen wollen. Dazu ist das Programm zu sehr auf die ernsthafte Auseinandersetzung mit politischen Zusammenhängen ausgelegt und weniger auf den Unterhaltungsaspekt.”

Mittlerweile gibt es den Nachfolger, Politiksimulator 2: Rulers of Nations, der den Spieler wiederum zum Staatschef macht. Dabei kann man aus zwei Spielmodi wählen: Beim Wettbewerbsmodus kann man allein oder mit bis zu 16 Mitspielern um die Vorherrschaft kämpfen. Beim Simulationsmodus gilt es, als einer von 170 Staatschefs ein dazugehöriges Szenario (z.B. „Entkommen Sie der Weltkrise“ oder „Afghanistan: Das neue Vietnam?“) zu lösen. Dabei sind die Spielinhalte an Aktualität kaum zu überbieten.

Der Politiksimulator 1 kostet ca. 14 Euro, der Politiksimulator 2: Rulers of Nations kostet ca. 19 Euro.

Das Spiel “Im Zentrum der Macht” aus der Lernedition “Genius” (Cornelsen Verlag) ist zwar nicht so komplex wie der eben vorgestellte Politiksimulator, trotzdem ist er mehr politische Bildung als Polit-Action: “Ein politisches Talent tritt an, um Bürgermeister einer kleinen Gemeinde zu werden. Der Spieler muss lebenspraktische Fragestellungen mit den Spielregeln des Rechtsstaates und der politischen Grundordnung verknüpfen und die Verkehrs-, Wirtschafts, Bildungs- und Familienpolitik gestalten. Schafft es der Spieler, die Bedürfnisse der Bürger durch seine gute Politik zu befriedigen, so gewinnt er die Wahlen und kann zum Ministerpräsidenten eines Landes und schließlich zum Bundeskanzler aufsteigen.” Das Spiel, das rund 8 Euro kostet, eignet sich vor alle für jüngere Jugendliche, die erlebnisorientiert einen ersten Einblick in das Themenfeld “Politik” bekommen wollen.

SuperPower (DreamCatcher Games) und der Nachfolger SuperPower 2 (Flashpoint) basieren auf Originaldaten von CIA, US-Militär und Vereinte Nationen – was ein sehr realistisches Basisszenario ergibt – und sind eher Aufbausimulationen mit militärischem Anstrich. Trotzdem geht es nicht einfach darum, andere Länder zu überfallen oder in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben, auch der politische Dimension wurde hier breiter Raum eingeräumt: “Bauen Sie Ihr Land auf und vergrößern dessen Einfluss in der Welt, während Sie gegen eine hoch entwickelte KI antreten. Auf Ihrem Weg an die Spitze können Sie wirtschaftliche Sanktionen verhängen, Bündnisse eingehen und militärisch gegen Gegner vorgehen. Sie können die Handlungen jeder Nation genau bestimmen, von der Gestaltung oder dem Bruch von Verträgen bis hin zu strategischen Entscheidungen bei militärischen Konflikten.” Von den bisher vorgestellten Spielen sind die SuperPower-Spiele sicherlich die, die am wenigsten mit realer Politik und mehr mit Action zu tun haben. Die Spiele kosten 2 Euro (alte Version) bzw. 15 Euro (neue Version).

SimCity Societies – aus der bekannten SimCity-Reihe – ist ein kleiner Ausreißer in der Liste der politischen PC-Spiele. Der Publisher Electronic Arts GmbH beschreibt es als das “vielseitigste Städtebauspiel aller Zeiten”, was auch schon den Schwerpunkt des Spiels, die Aufbausimulation verdeutlicht. Dennoch, geht es bei dem Programm nicht nur darum, “mithilfe einer Vielzahl neuer, revolutionärer Features Städte nach eigenen Vorstellungen” zu erbauen. Zusätzlich zu dem, was man aus dem klassischen SimCity kennt, kann der Spieler eigene Kulturen, sozialen Strukturen und Umgebungen” gestalten: ”Erschaffe eine Stadt der Kunst, einen Orwellschen Staat, eine futuristische Metropole, eine “grüne Oase”, eine spirituelle Gemeinschaft oder welche Gesellschaft auch immer du dir wünschst. ” Somit ist SimCity Societies zwar kein richtig politisches Spiel, aber auch keine reine Aufbausimulation – es liegt wohl irgendwo dazwischen und macht vor allem wegen seiner Grafik Spaß. Für Freunde des klassischen SimCity dürfte das Spiel hingegen eine Enttäuschung sein, da der Wirtschaftssimulationsteil quasi nicht vorhanden ist. Das schlägt sich auch in den Amazon-Bewertungen nieder. Das Spiel kostet ca. 10 Euro.

Bundeskanzler 2009-2013 – der Titel sagt eigentlich schon alles über das Spiel. Man steigt als Kanzler und Parteichef ein und muss fortan mit Ministern, Gewerkschaften und anderen Partnern verhandeln, um am Ende wiedergewählt zu werden. Das Spiel hat eine unglaubliche Bandbreite an Funktionen und Möglichkeiten. U.a. können Bilder, Logos und Namen von eigenen Parteien hochgeladen werden und man kann die Ergebnisse aktueller Wahlen eingeben, um eine realistische Sitzverteilung im Parlament zu erreichen. Sehr deutsch, sehr realitätsnah. Leider sind sich alle Rezensenten einig, dass das Spiel sehr unübersichtlich und kompliziert zu bedienen ist, es kaum Hilfe gibt und wohl einige Programmierfehler drin stecken. Hier also eher der Vollständigkeit halber, aber mit 20 Euro macht man auch nicht viel falsch.

Fazit: PC-Spiele

Diese Politik-Spiele werden sicherlich nie Platz 1 der PC-Games-Verkaufscharts erreichen, aber sie zeigen, dass der Computerspiele-Markt nicht nur gewaltreiche Actionspiele oder todlangweilige Ponyhof-Simulationen zu bieten hat. Mir persönlich hat es aufgrund der Aktualität der Szenarios vor allem der Politiksimulator 2: Rulers of Nations angetan und ist deshalb mein Kauftipp!


2. Online-Spiele

Als erstes Spiel ist an dieser Stelle ist sicherlich das Serious Game “Last Exit Flucht” vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) zu nennen. Das Spiel wurde mit dem Multimedia- und E-Business-Staatspreis 2006 ausgezeichnet und verfügt neben dem Spielinhalt auch über eine spezielle Webseite für Lehrer sowie über eine gute Fakten-Webseite über Flüchtlinge und Flucht. Bei dem Spiel geht es nicht ums Regieren, sondern man schlüpft in die Rolle eines Flüchtlings und versucht, sicher ans Ziel zu kommen. Gar nicht so einfach, denn in den drei Kapiteln “Krieg & Konflikt (Auf der Flucht vor Verfolgung)”, “Grenzland (Kann ich hier bleiben?)” und “Ein neues Leben (Verlust & Herausforderung)” erlebt der Spieler, womit jeder Flüchtling konfrontiert ist. Ein spannendes, lehrreiches, gut aufgemachtes und – trotz des schwierigen Themas – unterhaltendes Spiel.

„democracy online today“ oder einfach dol2day ist die erste Plattform, die mir zum Thema Politiksimulation einfällt. Allerdings ist sie nicht wirklich ein Spiel, sondern eher eine Community, die Politik simuliert. dol2day gibt es seit nunmehr 12 Jahre und ist damit der Ur-Community für Politiksimulation. So lange wird übrigens auch schon ein Internet-Kanzler innerhalb der Plattform gewählt – das war es dann aber schon an Gamification. Der Rest sind eher ernsthafte Diskussionen über reelle politische Probleme. Diese werden auch gerne im „real life“ fortgesetzt, denn viele der Community-Mitglieder kennen sich mittlerweile auch im echten Leben.

Ein großes Politik-Online-Spiel ist ars regendi, bei dem es darum geht, die Macht über ein Land zu übernehmen. Man trifft Entscheidungen, schließt Allianzen, kümmert sich um das Volk und überwacht den Haushalt: “Ars Regendi stellt den Anspruch, eine äußerst komplexe und realistische Wirtschaftssimulation zu sein, bei der Sie ihre politischen und ökonomischen Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen Herrschern auf die Probe stellen. Und bei Scheitern Ihr Zepter abgeben müssen…” Das Zitat sagt es schon: Es handelt sich bei ars regendi um ein Multiplayer-Online-Spiel, bei dem man auch gegen andere “Herrscher” antritt. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es bei dem ansonsten kostenlosen Spiel: Wer Bündnisse gründen, den Haushalt vernünftig verwalten und eigene Flaggen verwenden will muss für einen kleinen Obulus (2,99 Euro / Monat) das Spiel upgraden.

Das dritte politische Online-Spiel ist das relativ bekannte Power of Politics. Das Spiel hat 2006 den Galaxy Award als Browserspiel des Jahres gewonnen und ist eine höchst interessante, dabei aber relativ einfach zu bedienende Politiksimulation. Dabei ist Power of Politics nicht auf Weltherrschaft oder Phantasiestaaten ausgerichtet, sondern orientiert sich an deutschen, österreichischen oder schweizer Verhältnissen. Ausführliche, übersichtliche Infos zum Spiel gibt auf der Webseite inkl. einiger Screenshot, die einen guten Eindruck vermitteln. Das Multiplayer-Spiel, das nach eigenen Angaben rund 30.000 Nutzer verzeichnet, schickt den Spieler auf Wahlkampftour, in das eigene Büro und natürlich in einen Bezirk bzw. Wahlkreis. Ziel bei der realistischsten aller bisher getesteten Politiksimulationen ist, eine hohe Popularität zu erreichen. Dass sich Macht hier als Produkt von vernünftiger Politik mit guter Medienarbeit (man kann sogar eigene Pressekonferenzen geben!) präsentiert, unterstreicht m.E. nur die Realitätsnähe.

vDeutschland ist ebenso wie die anderen Online-Communities seit 2006/2007 am Start. Ziel ist es, das politische System Deutschlands zu simulieren, es gibt hier aber auch die USA und Großbritannien zu Auswahl. Schön ist hier, dass die Spieler sofort nach der Anmeldung Abgeordnete eines Landesparlaments sind und sich dann in den sehr realistischen Bahnen des jeweiligen Politiksystems bewegen müssen. vDeutschland ist sehr realitätsbezogen und mein Tipp, wenn man spielerisch das politische System Deutschlands oder der USA erkunden möchte.

Fazit: Online-Spiele

Vielen der Online-Plattformen sieht man ihre mittlerweile fünf bis sechs Jahre auf dem Markt zwar an, an Aktualität haben diese Simulationen aber nicht eingebüßt. Wer also auf eher technische Simulationen und viel Diskussion in Foren steht, ist hier gut aufgehoben.


Exkurs: World of Warcraft

Eigentlich ist World of Warcraft keine Politiksimulation. Aber man kann hier trotzdem viel lernen: Im alltäglichen Miteinander in dieser riesigen Spielwelt und in der eigenen Gilde oder Raidgruppe gilt es zahlreiche Dinge zu beachten, damit die MitspielerInnen glücklich sind. Dabei ist das Leiten einer Gilde nicht minder komplex, wie die Führung eines Vereins oder einer Partei und die eingesetzten Mittel wie Teamspeak, Foren und Webseiten stehen beruflich eingesetzten WebEx-Sitzungen oder Collaboration-Plattformen in nichts nach. Wer also gleichzeitig Spaß haben möchten und seine Qualifikationen als „Führungspersönlichkeit“ unter Beweis stellen möchte, kann das bei WoW sehr gut machen. Das Tolle: Man lernt sehr schnell, denn das Feedback der Gruppe ist meist direkt und schonungslos. 😉
Was übrigens für World of Warcraft spricht: Die Community ist so groß, dass sich wirklich komplexe soziale Interaktionen abbilden. Vergleichbares ist mir für Spieler aus Deutschland eigentlich nur bei Guild Wars bekannt, das auch auf eine große Community verweisen kann. Guild Wars 2 erscheint im August 2012 und ist sicher auch einen Blick wert.

Die erste Fassung dieses Artikels erschien am 2. Januar 2010 auf netzmedien.org