Wie sich die SZ einen Twitter-Skandal herschreibt

cdupt12-twitterseite


Alles fing mit ein paar Tweets an. Tweets, die nicht da auftauchten, wo manche sie gerne gesehen hätten. Nämlich auf der Hashtag-Seite des CDU-Bundesparteitags (#cdupt12). Und dann ging es gleich weiter: Das selbe Phänomen beim SPD-Parteitag (#spdbpt12). Was war passiert? In Kurzform: Twitter zeigt mir bei der Suche nach Hashtags nicht immer alle Tweets an, sondern sortiert nach „Top“, „Alle“ und von „Leuten, denen ich folge“. Das Ziel ist dabei vor allem Spam auszuschalten, der bei beliebten Hashtags schnell mit Viagra-Werbung und Phishing-Links kommt. Aber man will auch Zufälle ausschließen. Ich erinnere mich da an ein Politikcamp (#pc..) auf dessen Twitterwall plötzlich Tweets einer asiatischen Porn Convention (#pc…) auftauchten. Klingt logisch, oder?

Man kann aber bei „fehlenden“ oder „versteckten“ Tweets auch von Verschwörungstheorie bis zu bedenkenloser Glaubwürdigkeits- und Informationsschädigung für die Bürger alles mögliche hineininterpretieren.

Die Story gibt es noch in schön bei Hildwin und bei Rotstehtunsgut. Trotzdem schaffte es die Süddeutsche Zeitung (SZ), namentlich Michael König, am 07.12.2012 einen abgrundtief boulevardesken Artikel über diesen vermeintlichen Skandal zu schreiben: „Twitter schönt den Parteitag„. Gerade so, als würde SZ-Online alle dpa-Meldungen eines Tages 1:1 übernehmen. Um so lesenswerter sind dann auch die Kommentare zu dem Artikel, in denen sich – neben den üblichen Trollen – Menschen wie der sehr wertgeschätzte DJV-Journalist Dirk Baranek zu Wort meldeten. Und damit war für mich die Sache auch eigentlich gegessen.

Bis ich auf den Kommentar „Twitters bedenkliche Allianz mit CDU und SPD“ von Johannes Boie (10.12.2012) stieß. Dieser greift das Thema drei (!) Tage später auf, zitiert ungenannt „Kritiker“ aber ignoriert dafür auch völlig, was zuvor u.a. in den Kommentaren zum König-Artikel geschrieben wurde. Was mich dabei aufregt? Die Ignoranz. Denn schon dem König-Artikel vom 7.12. kann man Unverständnis und Einseitigkeit vorwerfen. Dem Boie-Artikel muss man auch noch mangelnde Recherche und Skandalschreiberei vorwerfen, denn auch einen Meinungsartikel muss man argumentativ begründen können.

Seit Langem habe ich deshalb mal wieder einen Kommentar geschrieben:

Lieber Johannes Boie,

mit Verlaub – dieser Kommentar ist das Dümmste und vor allem Unpassendste, das ich seit langem Lesen musste und ich möchte das begründen.

Der Kommentar ist dumm, weil er eine Zeitungsdruckerei mit Twitter vergleicht. Er ignoriert, dass es in Zeitungsverlagen keine spammenden Journalisten gibt, die ihre Lettern zwischen die Texte anderer Journalisten quetschen, damit sie zufällig gelesen werden. Auf Twitter ist das so: Gibt es einen beliebten Hashtag, bleiben auch Viagra-Angebote nicht lange aus. Deshalb kuratiert Twitter sein Angebot, zeigt mir in erster Linie Tweets, die nach einem mir unbekannten Algorithmus als wichtig (sic!) bewertet werden. Das macht mein E-Mail-Programm übrigens mittlerweile auch – state of the art. Ich kann mir aber immer auch alle E-Mails oder Tweets anzeigen lassen. Das ist nicht „Verstecken“, das ist notwendige Nutzerführung in einem Medium, reich an Information. Wollen wir uns darin nicht bei jedem flüchtigen Blick verlieren, ist der Fokus ein notwendiger Zwang.

Der Kommentar ist gerade deshalb auch unpassend. Denn gerade Journalismus lebt davon, seinen Nutzer, den Leser zu führen. Aus der Vielzahl der Termine auf der morgendlichen dpa-Tagesübersicht wählt die Redaktion nach einem mir unbekannten Muster aus, worüber es sich zu berichten lohnt – vielleicht, was am wichtigsten (sic!) ist? Ich weiß es nicht, denn von vielen für mich interessanten Dingen auf Landesebene lese ich z.B. in der SZ nichts mehr, seit der Bayernteil zu Gunsten der Regionalteile abgespeckt wurde. Auch diese „Gatekeeper-Funktion“, die den Journalismus zur vierten Macht im Staat gemacht hat, ist manchmal transparenter (z.B. Bayernkurier) und manchmal nicht (z.B. PNP). Aber müssen wir deshalb vom Schönen von Seiten, vom Nach-dem-Mund-Schreiben oder gar der Zensur von Themen reden? Nein, jeder Journalist würde sich als unverstanden betrachten, die Notwendigkeiten, Grenzen und Zwänge der „Zeitungsmache“ nicht ausreichend berücksichtigt.

Für Twitter-Nutzer gab es bei den Parteitagen von CDU und SPD nichts, was neu war oder worüber man sich aufregen müsste, wenn Aufregen nicht zur Berufsbeschreibung gehört: Lieber Johannes Boie, lesen Sie die Kommentare von Frank, Romy, Dirk, Mirko und Nicole zum leider boulevardesken Artikel „Twitter schönt den Parteitag“ von Michael König. Die Glaubwürdigkeit die geschädigt wurde, ist die der SZ, die sich bedenkenlos einen vermeintlichen Skandal herschreibt.

Herzlichst Ihr

Bastian Dietz

Update: Der Deal

Ein anscheinend wichtiger Begriff in der Diskussion ist der „Deal“.

Aber ich sage: „The Deal is a lie. There is no Deal.“ Die Parteien haben nichts gegeben und nichts bekommen. Ich bringe da mal Licht rein:

Twitter hat den großen Parteien CDU und SPD angeboten, eine spezielle Suchergebnis-Seite für die Hashtags ihrer Parteitage (#cdupt12 und #spdbpt12) zu gestalten. Diese speziellen Seiten – es gibt auch speziell gestaltete Profilseiten – sind aus Marketinggesichtspunkten besonders hübsch und Marken wie CocaCola oder Apple legen dafür 25.000 $ auf den Tisch. (Zum Vergleich: Das kostet in Deutschland eine handwerklich sauber gemachte, mittelgroße Unternehmenswebseite.) Das Angebot anzunehmen oder abzulehnen (Twitter kann ja auf seiner Plattform eigentlich machen, was es will), ist einer Diskussion gar nicht wert. Wenn die ZEIT einem Parteitag eine Seite widmet, wird ja auch nicht von einem „Deal“ gesprochen.

Nun warum bietet Twitter den Parteien diesen Service kostenlos an? Die Antwort ist eigentlich sehr einfach:

  • Die Parteien bzw. Parteitage sind ein riesiger Multiplikator und die Medienresonanz ist entsprechend hoch. Ein besseres Werbeumfeld gibt es quasi nicht, will man ein Tool live im Betrieb zeigen und damit gleichzeitig noch eine der interessantesten Zielgruppen treffen: Politikinteressierte, kommunikative, engagierte Bürger/-innen, Entscheider/-innen, Unternehmer/-innen.
  • Man macht sich das Geschäft nicht kaputt: Die Parteien hätten die spezielle Suchseite nie zum Preis von 25.000 $ gekauft. Auch nicht für die Hälfte. Ich sag es mal aus Grüner Sicht: Ich weiß nicht, ob der freie Wahlkampfetat der Bundespartei für 2013 im Onlinebereich insgesamt überhaupt 25.000 Euro umfasst…