Die Dünnhäutigkeit der Landtags-FDP

FDP-Pressemitteilung: "SPD leistet sich verbale Entgleisung"

FDP-Pressemitteilung: "SPD leistet sich verbale Entgleisung"

Es ist eines der üblichen politischen Spiele auf bayerischem Boden: Im Rahmen von Bierzelten, Parteiveranstaltungen im Wirtshaus und natürlich beim Aschermittwoch wird eine sehr deutliche, manchmal verletzende Sprache an den Tag gelegt. Dass die CSU hier am derbsten um sich schlägt, aber am wenigsten einstecken mag, spiegelt dabei auf historische Weise ihr Verhältnis zu Franz-Josef Strauß wieder, der auch gut im Austeilen und schlecht im Einstecken war. Und außerdem: Was die CSU darf, dürfen andere Parteien noch lange nicht. Zumindest aus Gründen der Authentizität stimmt das, trotzdem ist der politische Ton in Bayern manchmal hart. Was er aber auch immer ist: direkt. Wenn der eine den anderen “an Sauhund, an deheaglaffan” (“räudiger Streuner”, Übers. der Red.) schimpft, weis der geneigte Zuhörer südlich des Weißwurstäquators, was und vor allem wie es gemeint ist.

Beim aktuellen Schlagabtausch zwischen SPD und FDP wird das nicht ganz so deutlich. Doch zuerst einmal zu den Quellen, derer da zwei Pressemitteilungen der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag sind:

SPD-Abgeordnete leistet sich verbale Entgleisung

München, 27.05.2011 (lp). Die Landtagsabgeordnete Isabelle Zacharias, hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, hat ihre Landtagskollegen von der schwarz-gelben Koalition in Bayern am 26.5. anlässlich der Demonstrationen gegen Studiengebühren vor laufenden Fernsehkameras als “schwarz-gelbes Gesocks” bezeichnet. (Nachrichtenbeitrag von “München TV” am 26.05.2011)

Dr. Annette Bulfon (München), hochschulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, forderte Zacharias am Freitag in München auf, sich für diesen unmöglichen Stil zu entschuldigen und bis zu Klärung der Angelegenheit ihre Funktion als hochschulpolitische Sprecherin der SPD Landtagsfraktion niederzulegen. Mit der Klärung der Angelegenheit solle sich der Ältestenrat des Landtags befassen.

Dr. Bulfon wörtlich: „Das Schimpfwort “Gesocks” gehört nicht in den politischen Diskurs. Es wurde zudem in der Zeit der NS-Diktatur besonders auch zur Ausgrenzung von unterdrückten gesellschaftlichen Gruppen verwendet. Als Demokratin schaudert es mich vor solch einem Sprachgebrauch aus dem Munde einer sozialdemokratischen Abgeordneten.“

Inhaltlich sei verwunderlich, so Dr. Annette Bulfon, dass der Begriff der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der SPD nun beinhalte, dass  Handwerkerlehrlinge gegenüber Studenten zu benachteiligen seien. „Ein Meister muss bis zu 15.000 Euro für seine Ausbildung privat investieren. Vielleicht hat sich die SPD von dieser Gruppe ja nun abgewandt“, so die FDP-Hochschulexpertin abschließend.

Diese Pressemitteilung ist auf der Fraktionswebseite zu finden. Inhaltlich gehört sie zur folgenden Pressemitteilung von heute, die noch nicht online zu findenden ist:

FDP-Fraktionsvize Dr. FISCHER ruft SPD zur Mäßigung auf – 
„Menschen nicht mit Müll gleichsetzen“

München (lp). „Erst Frau Zacharias, jetzt Herr Wörner: Die SPD-Landtagsfraktion verlässt endgültig den Boden parlamentarischer Gepflogenheiten und menschlichen Anstands“, betonte der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion, Dr. Andreas Fischer (Abensberg), zu aktuellen Äußerungen des sozialdemokratischen Abgeordneten Ludwig Wörner. Dieser hatte in einer Pressemitteilung davon gesprochen, dass der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) „entsorgt“ werden müsse, da es sich bei ihm um einen „Störfall“ handele. 

„Mit dem Begriff „entsorgen“ kennzeichnet man normalerweise den Umgang mit Abfall“, hält Fischer fest, „aber als Freiem Demokraten schaudert es mich, wenn die SPD derart verächtlich über Menschen spricht – von fehlender Kollegialität unter Landtagsabgeordneten ganz zu schweigen. Man darf Menschen nicht mit Müll gleichsetzen. Ich fordere den Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Markus Rinderspacher, dringend auf, mäßigend auf seine Abgeordneten einzuwirken und wieder auf den Pfad der parlamentarischen Gepflogenheiten zurückzukehren.“ 

Diese erneute SPD-Entgleisung sei nach der Causa Zacharias ein weiterer Fall für Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU), so Fischer. 

Zu den Ursachen der zunehmenden verbalen Entgleisungen durch die bayerische SPD nimmt der FDP-Fraktions- und Landesvize Fischer an, dass die bayerische SPD offenbar „zu den entscheidenden Fragen unseres Landes wie etwa die Atomwende keine Antworten“ habe und als Juniorpartner der Grünen versuche, ihre Defizite „durch Pöbeleien auszugleichen.“

Merkwürdig ist, dass die “Aufreger-Aussagen” der SPD-Abgeordneten Zacharias und Wörner nüchtern betrachtet und im Kontext bajuwarischer Politlebensfreude jetzt nicht so dramatisch sind. Trotzdem zieht die FDP gleich die umständlich herbei argumentierte NS-Karte. Etwas arg dünnhäutig.

Liegt es daran, dass die FDP einfach nach den letzten Umfragen nervös ist, die sie bei 4 % in Bayern sehen? Fühlt sie sich in die Ecke getrieben, nachdem Ministerpräsident Seehofer unlängst mit den Grünen “flirtete”? Oder will sie die Bayerische SPD in die NS-Ecke drängen, in der sich die Duisburger Linke verabschiedet hat? Oder ist die Verlagerung der Kommunikation von der Sachebene auf die persönliche Ebene nur der Tatsache geschuldet, dass sich die FDP in der Atomdebatte inhaltlich absolut vergaloppiert hat?

Auf jeden Fall haben die dünnhäutigen und übertriebenen Reaktionen der Landtags-FDP nichts mit normaler bayerischer Polit-Kommunikation zu tun. Und so stellt sich die Frage, ob die Liberalen zumindest noch kommunikativ ein Ziel verfolgen?

Wählen ab 16: Bremer Jugendliche wählen Grün

Bremen 2011 - Wen wählten die unter 18-Jährigen? (Quelle: ZDF / Forschungsgruppe Wahlen)

Bremen 2011 - Wen wählten die unter 18-Jährigen? (Quelle: ZDF / Forschungsgruppe Wahlen)

Es liegen zwar noch keine endgültigen Ergebnisse für die Bremer Bürgerschaftswahl am 22.05.2011 vor, die Christdemokraten sahen bei den jungen Wählern aber wohl ganz schlecht aus – was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass die CDU immer wieder die Wahlalterabsenkung kritisierte. Die erstmals wahlberichtigten 16- und 17-Jährigen haben dagegen nach einer dpa-Meldung überproportional für die Grünen und die Piratenpartei gestimmt:

32 bis 34 Prozent der jungen Leute votierten nach den ersten Erkenntnissen der Wahlforschungsinstitute Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen für die Grünen (vgl. Grafik oben). Infratest dimap sieht bei den jungen Wählern die Grünen mit 32 Prozent klar vorn. Die Volksparteien schneiden dagegen schlecht ab. 28 Prozent der Jugendlichen votierten für die SPD und nur 12 Prozent für die CDU. Beide Parteien erhielten damit von den jungen Wählern deutlich weniger Stimmen als sie voraussichtlich insgesamt mit mehr als 38 (SPD) beziehungsweise rund 20 Prozent (CDU) bekommen werden.

Dass es in Bremen hieß “je jünger, desto grüner“, hat jetzt.de in einem schönen Artikel beschrieben, der auch auf die Wahlrechtsreform eingeht. Dass sich jung = grün nicht unbedingt als strategische Stütze herausstellt, haben die jetzt.de-Autoren übrigens auch gut analysiert:

Wäre die Bundesrepublik ein Land, in dem der demographische Trend nicht Alterung hieße, sähe das Ergebnis der Ökopartei noch besser aus.

Es gibt auch noch keine endgültigen Zahlen zur Wahlbeteiligung der jugendlichen Erstwähler in Bremen, diese dürfte sich jedoch im Rahmen der allgemein niedrigen Wahlbeteiligung bewegen. Trotzdem ist das eine spannende Fragen, denn es haben sich zahlreiche junge Menschen an Schulen und in Jugendverbänden, aber auch ganz privat wie im folgenden Video dafür eingesetzt, dass die Wahlbeteiligung der rund 10.000 wahlberechtigten Jugendlichen hoch wird.

Wählen ab 16

Bei den Wahlen auf Landesebene in Bremen galt zum ersten Mal das Wahlalter 16 für das aktive Wahlrecht. D.h. es durfte zwar gewählt werden, aber die Jugendlichen durften nicht selbst gewählt werden (passives Wahlrecht). In Hessen wurde eine entsprechende Regelung durch die Regierung unter Roland Koch wieder rückgängig gemacht. Jugendliche ab 16 Jahren können darüber hinaus schon jetzt bei Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig Holstein wählen. Auch in Berliner Bezirken gilt das Wahlalter 16.

Zwar ist die Forderung nach der Wahlalterabsenkung auf 16 die realistischste, es gibt aber auch weitergehende Forderungen. Den nachfolgenden einführenden Text zu verschiedenen Forderungen zur Wahlalterabsenkung habe für www.waehlen-ab-14.de vor einiger Zeit verfasst:

Die Debatte um eine Senkung des Wahlalters wird bundesweit breit geführt. Sie greift die Idee auf, dass junge Menschen in der Lage sind, selbst zu entscheiden, was richtig in unserer Gesellschaft ist. Um Jugendlichen das Wählen zu ermöglichen, muss der Wahlvorgang in der Schule und im Elternhaus aktiv begleitet werden. Die Debatte um die Wahlaltersenkung macht aber nicht beim Wahlalter 16 oder 14 halt. Immer mehr Menschen fordern auch das Wahlrecht von Geburt an. Auf diese Weise soll das Stimmungleichgewicht zwischen Jung und Alt in einer alternden Gesellschaft ausgeglichen werden. Die drei Zahlen 16, 14 und 0 ermöglichen jeweils einen anderen Blickwinkel auf Wahlen und Wählen in Deutschland. Die Debatte um das Wahlalter 16 ist die, gemessen an der politischen Realität, wohl realistischste. Österreich hat es vorgemacht und auch in Parteiprogrammen in Deutschland ist die Forderung nach einer Wahlaltersenkung auf 16 zu finden. Diese Zahl greift die Idee auf, dass junge Erwachsene, die in Ausbildung, Schule und Beruf schon viel Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen müssen nun auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitgestalten können sollen. Die Forderung nach dem Wahlalter 14 ist viel stärker emanzipatorisch angelegt. Jugendliche sollen nicht bevormundet werden, sondern ein aktiver und mündiger Teil der Gesellschaft sein. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, Demokratie zu erlernen und zu erfahren, dass ihre Stimme etwas verändern kann. Das Wahlalter 14 nimmt Jugendliche ernst und gibt ihnen eine Stimme und ein Forum. Es rückt die Interessen von Kindern und Jugendlichen stärker ins öffentliche Licht. Wer das Wahlalter 0 fordert, nimmt in Kauf, dass kleine Kinder ihre Stimme nicht selbst wahrnehmen können. Die Eltern hätten somit stellvertretend für ihr Kind eine zweite Stimme. Hierdurch sollen Ungerechtigkeiten im Generationengefüge aufgefangen und die Stellung von Familien in unserer Gesellschaft verbessert werden.

Preview: Grüner Kinoabend “Joschka und Herr Fischer”

Er war 68er-Aktivist, Stadtguerillero, Taxifahrer, Sponti – er wurde hessischer Umweltminister in Turnschuhen und deutscher Außenminister im Anzug: Das bewegte Leben von Joseph „Joschka“ Fischer dient Regisseur Pepe Danquart als roter Faden, um von sechs Jahrzehnten deutscher Nachkriegsgeschichte zu erzählen.

Gemeinsam mit meiner Kollegin Daniela Wüst von der Grünen Landesgeschäftsstelle und dem Grünen Stadtbüro München habe ich eine Preview des neuen Kinofilms über Joschka Fischer und die letzten 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland organisiert.

Die Sondervorstellung von “Joschka und Herr Fischer” findet am am Mittwoch, den 18. Mai um 20 Uhr im Kino Atelier 1 (Sonnenstr. 12, München) statt – einen Tag vor dem offiziellen Kinostart.

Karten gibt es für 5 Euro im Stadtbüro (Mo – Fr, 15 – 18 Uhr ) und in der Landesgeschäftsstelle (Mo – Fr, 9-13 und 14-16 Uhr), Sendlinger Str. 47. Restkarten an der Abendkasse.

Das sagen die anderen:

Joschka und Herr Fischer ist die Siegergeschichtsschreibung jener Protestgeneration, die damals auf der falschen Seite der Mehrheit war und heute mitten drin steht.
Georg Diez, Der SPIEGEL

Packender Geschichtsunterricht mit einer polarisierenden Persönlichkeit.
Kino.de

Ich hätte lieber andere Schuhe getragen als diese Turnschuhe. Auch sonst lief es in Hessen damals nicht rund. Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte.
Joschka Fischer

Und hier noch der Trailer:

Großspenden am rechten Rand

Großspenden 2010 (Quelle: Bundestagspräsident)

Großspenden 2010 (Quelle: Bundestagspräsident)

Ich bin nicht dagegen, dass Parteien oder Kandidaten Spenden annehmen. Denn das Spendenaufkommen – das sich in seiner Breite aus vielen Mitgliedsbeiträgen und einzelnen Kleinspenden zusammensetzt – ist ein Ausdruck der demokratischen Verankerung von Politik in der Gesellschaft. Spenden befähigen Parteien und Kandidaten, wirksam zu handeln und unabhängig Interessen einzelner Stakeholder zusammenzuführen.

Diese Unabhängigkeit wird aber oft in Frage gestellt und angesichts der Grafik oben, in der alle Großspenden – also einzelne Spenden über 50.000 Euro – zusammengerechnet sind, muss man hier auch sehr skeptisch sein. Denn Mitgliedsbeiträge und Kleinspenden sind diffus und für Politiker/-innen nicht unbedingt mit einem klaren Ziel zu verbinden. Leichter ist es da, einen sechsstelligen Betrag anzunehmen und sich anzuhören, was man denn im Gegenzug dafür tun solle. Wenn sich die Masse dieser Großspenden dann auch noch auf CDU/CSU und DVU verteilen, muss man wiederum genau hinsehen. Wer versucht da mit wem welche Interessen durchzusetzen?

“Neue” Neue Medien für US-Wahlkampf 2012 gesucht

Barack Obama: Der POTUS auf Facebook

Barack Obama: Der POTUS auf Facebook (Quelle: http://www.facebook.com/barackobama)

Rob Salkowitz hat auf “InternetEvolution.com” einen guten Statusbericht über Social Media im US-Wahlkampf 2012 abgeliefert. Er schreibt, dass 2012 Social Media zum festen Bestandteil von Wahlkampagnen gehören wird. Zwei Faktoren sind dabei wichtig für den Erfolg: Wie neue Technologien in die Kampagnen integriert werden und wie sie die Performance der existierenden Kanäle verbessern.

Als “heißeste Innovationen” beschreibt Salkowitz “tablets; mobile apps (especially for Android); high-quality streaming video-on-demand to the living room; and geolocation services like Foursquare.” Gleichzeitig stellt er aber in Frage, ob Hulu oder Netflix wirklich mehr bringen als Youtube und ob es wirklich einen Unterschied macht, Social Media auf Tablets zu nutzen und nicht auf Smartphones. Auch Geolocation sieht Salkowitz nur für das Kampagnenmanagement sinnvoll und bringt es auf den Punkt: “Is anyone that eager to win the “Mayor of Palinville” badge?”

Vielmehr wird es im Wahlkampf 2012 darum gehen, die bereits vorhandenen Strukturen auszubauen und zu verbessern sowie das Spendenaufkommen zu erhöhen. Dazu wurde z.B. die personalisierte Version von MyBarackObama.com mit Facebook verknüpft, um nun nicht mehr nur Einzelpersonen, sondern ganze Communities zielgruppengerecht ansprechen zu können (inkl. Ein-Klick-Spenden direkt auf Facebook). Ein weiterer wichtiger Punkt wird die Messung aller (Online-)Aktivitäten werden, wie Obamas 2012 Kampagnen Manager Jim Messina in folgendem Video erklärt: