Category Archives: Politische Kommunikation

Politische Kommunikation von Public Affairs bis Lobbyarbeit, von Agentur bis Kampagne.

Europäische Bürgerinitiative: Eine Chance für Europa und die Netzgemeinde

Egal ob es um die Vorratsdatenspeicherung, die Zulassung genveränderter Lebensmittel oder den Umweltschutz an meinem Wohnort geht: Die Europäische Union hat weit mehr Einfluss auf unser tägliches Leben, also wir oft wahrnehmen. Diese „Wahrnehmungsstörung“ führt dazu, dass sich einzelne Bürgerinnen und Bürger selten als Europäer verstehen und einem politischen Engagement auf dieser supranationalen Ebene eher gleichgültig begegnen. Es liegt aber auch daran, dass es bisher wenig Möglichkeiten gab, europäische Politik mitzubestimmen. Und genau aus diesem Grund ist die Europäische Bürgerinitiative (EBI), die ab 1. April 2012 möglich sein wird, ein wichtiger Meilenstein (Verordnung über die Europäische Bürgerinitiative / Durchführungsverordnung für die Datensammel-Software).

Die EBI gibt Organisationen die Möglichkeit, Bürgerinnen und Bürger für ein Thema zu gewinnen und gemeinsam europäische Politik zu gestalten. Dabei ist klar: Es wird nicht Lieschen Müller sein, die eine EBI startet. Zu hoch ist der notwendige Professionalisierungsgrad um eine Million Unterschriften aus sieben EU-Ländern zu sammeln. Aber die Chancen sind hoch, dass gut aufgestellte Vereine und Verbände eine EBI erfolgreich durchführen können.

Die jetzige Umsetzung des neuesten Partizipationsinstruments der EU ist vor allem ein Sieg des EU-Parlaments über die Kommission. Diese wollte z.B. 9 Länder anstelle der jetzt 7 Länder als Ausgangsbasis vorschreiben, öffentliche Anhörungen waren nicht geplant und finden jetzt statt, und eine Open-Source-Software für die Online-Sammlung war nicht vorgesehen und musste nun von der EU-Kommission entwickelt werden. In der Politik passiert es ab und an, dass etwas beschlossen, aber nie umgesetzt wird, weil die praktischen Hürden zu hoch sind. Evaluationen – auch bei der Europäischen Bürgerinitiative nach drei Jahren vorgesehen – sind hier der vorprogrammierte Todesstoß. Gerade die Software für die Online-Sammlung von Unterschriften zeigt aber, dass es dem EU-Parlament mit der Europäischen Bürgerinitiative erst ist und das Instrument nicht nach drei Jahren den Evaluationstod sterben soll. Die EBI wird sich trotzdem an ihrer praktischen Umsetzung messen lassen müssen, vermutlich zuerst beim Thema Vorratsdatenspeicherung.

So ergeben sich zwei Chancen: Zum einen für die Idee eines von Bürgerinnen und Bürgern geprägten Europas, das all jenen, die über den Tellerrand der Nationalstaaten blicken, eine Identität aber eben auch eine Handlungsoption bietet. Zum anderen für die Netzgemeinde, welche die EBI nutzen kann, um sich international noch mehr auszutauschen, um an einem netzpolitisch wirklich grenzenlosen Europa zu bauen.


Weitere Informationen:

Barrierefreiheit als Botschaft: Das Wahlprogramm der Berliner Grünen

Die Berliner Grünen haben, wie es sich für eine Partei gehört, ein Wahlprogramm für die Abgeordnetenhauswahl am 18.09.2011 erstellt. Nun sind Wahlprogramme so eine Sache. Die Einen finden sie zu abstrakt, die Anderen zu konkret. Den Einen wird zu viel Wert auf ein Thema gelegt, die anderen zählen Wörter und beschweren sich über zu wenig Beachtung. Die Einen wollen 300-seitige Pamphlete, um auch wirklich alle Aspekte eines Themas zu berücksichtigen, die anderen am liebsten nur Stichpunkte. Was am Ende in Koalitionsverhandlungen und in Regierungsverantwortung von einem Wahlprogramm übrig bleibt, ist dann wieder eine ganz andere Sache.

Aber nicht nur der Inhalt des Wahlprogramms zählt, sondern auch die Form. Oder wie Marshall McLuhan feststellte: „Das Medium ist die Botschaft.“ Und mit Wahlprogrammen in verschiedenen Formen können auch die unterschiedlichsten Bedürfnisse befriedigt werden. So gibt es das Berliner Grünen-Wahlprogramm als normale Langfassung (PDF), mit Videos aufbereitet auf der Webseite und als Version in Leichter Sprache. Zusätzlich gibt es das Wahlprogramm nun auch als Video, vorgelesen und in Gebärdensprache gedolmetscht.

 

Barrierefreiheit ist in der Kommunikation mittlerweile ein nicht zu vernachlässigender Aspekt. Zum Jahresende 2009 wurden lt. Wikipedia insgesamt 7,1 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland statistisch erfasst; das waren etwa 184.000 oder 2,7 % mehr als zwei Jahre zuvor. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 8,7 %.  Zum Vergleich: Lt. Wolfram Alpha gibt es in Deutschland ca. 10,7 % Selbständige. Die Zielgruppe ist also nicht groß – auch wenn sie aufgrund der undifferenzierten Datenlage schwer zu beschreiben und nach allgemeiner Auffassung eher “unsexy” ist. Photo-Ops hat man als Politiker halt lieber mit erfolgreichen Unternehmern als mit normalen Bürgern mit Behinderung – die Spenden auch nicht so viel. Aber Wahlen werden nicht in der Bunten gewonnen, sondern in der Wahlkabine.

Darüber hinaus zeigen Politiker, Parteien, Verbände und Unternehmen mit barrierefreien Angeboten nicht nur direktes Interesse an der Zielgruppe behinderter Mitmenschen, sondern machen auch deutlich, dass sie sich generell über Integration/Inklusion, die eigene soziale Verantwortung und das gesellschaftliche Miteinander Gedanken macht. Deshalb sollten barrierefreie Angebote mittlerweile zur Standardaustattung jeder Kampagne gehören.

Wahlkampf auf Norwegisch: Hei, har du lyst på besøk av meg?

“Hallo, hast Du Lust auf einen Besuch von mir?” frägt der norwegische Premierminister Jens Stoltenberg auf der Wahl-Webseite “Til deg” (“zu Dir”). Am 12. September sind in Norwegen Kommunalwahlen und deshalb hat Stoltenbergs sozialdemokratische Arbeiterpartei (Arbeiderpartiet) eine Menge Geld und Online-Kommunikations-Know-How in die Hand genommen, um das Internet entsprechend zu nutzen: Bei “Til deg” gibt man seinen Wohnort ein und kann sich dann zwischen drei Filmen zu den Themen ältere Menschen, Arbeit und Wählen entscheiden. Einen Klick weiter und unter freundlicher Zuhilfenahme von Google Street View steht Jens Stoltenberg auch schon vor der angegebenen Adresse und hält seine Rede.

Das ganze funktioniert lustigerweise auch in Deutschland und deshalb habe ich den Premier kurzerhand vor meine Haustür eingeladen. Dort ließ er sich dann nicht einmal von einem verpixelten Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite von seiner politischen Mission abbringen:

Das ganze ist extrem schön gemacht: Schon beim Einstieg sieht man Stoltenberg auf einem Rad und während Video und Hintergrund verschmolzen werden, radelt der Politiker von links nach rechts über den Bildschirm. Wie die Sceenshots zeigen, gibt es im Video zwei Kameraeinstellungen, die passend zur Rede wechseln, es gibt Untertitel für die Barrierefreiheit und mit Facebook, Twitter und E-Mail kann man das ganze seinem Freundeskreis zeigen.

Wie techPresident berichtet, wurde letzte Woche bei der Tagung “NordicTechPolitics” auch die iPhone-App der Arbeiterpartei “iCampaign” vorgestellt, die das Canvassing unterstützt. Ähnlich der App von Organizing for America, die wir aus dem Obama-Wahlkampf kennen, können dort Daten wie Adressen, Umgebungskarten, Ergebnisprotokolle usw. gespeichert werden. Mehr zu der App, die nur für Arbeiderpartiet-Aktivisten gedacht und nur im britischen iTunes-Store erhältlich ist, bietet ein Bericht von John Worth auf LabourList.org.

Digitale Berliner Gesellschaft: Gestrandet in der Lokalpolitik

Bereits als Markus Beckedahl mit einigen Freunden im Rahmen der re:publica 2011 angekündigte, den Verein Digitale Gesellschaft zu gründen, um Lobbyarbeit zu machen, habe ich mich an der Kritik beteiligt. Ich war mir damals mit vielen einig, dass das inhaltliche Anliegen richtig ist und es toll ist, dass sich jemand für das Themengebiet Netzpolitik – neben bekannten Playern wie der Musikindustrie oder dem BITKOM – stark macht. Die negativen Rückmeldungen bezogen sich eher auf die Form der Vereinsgründung und der Organisation des Vereins, der weitgehend den inner circle einer bestimmten Berliner Netzgemeinde abdeckte.

Meine Kritik war zudem aus Münchner Perspektive. Ich “leide” darunter, dass fast alles im Bereich Netzpolitik in Berlin stattfindet: Veranstaltungen, Networking, Verbandstreffen, Lobbyarbeit,… Um neben meinen Arbeitsprojekten nur an einem Teil der Aktivitäten teilzunehmen, müsste ich mir in der Senator Lounge am Flughafen ein eigenes Bett aufstellen. Netzpolitik ist aber nicht mein Hauptjob und so habe ich noch andere Prioritäten. Deswegen hatte ich kurz die Hoffnung, der Verein Digitale Gesellschaft würde es schaffen, auch Nicht-Berliner einzubinden. Nun, die Vereinsgründung ist seit zwei Monaten offiziell rum, tut sich in Sachen Öffnung gegenüber der Landespolitik der Länder aber weiter nichts. Aus politikwissenschaftlicher, föderaler Sicht ein Fehler, denn Netzpolitik passiert auch auf Landesebene. Das Scheitern des Jugendmedienschutzstaatsvertrags und die aktuelle Diskussion um den Rundfunkgebührenstaatsvertrag zeigen das deutlich. Ebenso die kürzliche Facebook-Kritik des ULD Schleswig-Holstein

Der Verein Digitale Gesellschaft koppelt sich von den Geschehnissen in den Ländern ab, die anscheinend netzpolitisch zu uninteressant sind. Alle Länder? Nein, Berlin als Wohnort vieler Vereinsmitglieder ist dann doch wieder interessant und so gibt es zur Wahl des Hauptstadt-Abgeordnetenhauses am 18.9. Open-Data-Wahlprüfsteine. Eine tolle Sache an sich, aber während der Verein es sogar für notwendig erachtet, einen Artikel zum OECD-Netzgipfel zu verfassen, könnte man meinen, die (netzpolitisch zugegeben langweilige) Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 4. September findet gar nicht statt. Wo sind hier die Wahlprüfsteine?

Schon bei der Gründung wurde die allumfassende Namenswahl “Digitale Gesellschaft” kritisiert, da er nicht die Realität abbildete. Ich habe dem Verein zu Gute gehalten, dass es zumindest ein Anspruch ist. Leider scheint sich dieser aber nicht realisieren zu lassen – viel zu stark ist die Konzentration auf Berlin. So scheitert bis jetzt der Verein Digitale Gesellschaft an sich selbt: Er ist angetreten, um der netzpolitischen Gemeinde in Deutschland zu mehr Professionalität zu verhelfen, und ist in der Berliner Lokalpolitik gestrandet.

Lobbyarbeit funktioniert nur, wenn sie eine Strategie verfolgt und sich nicht nur von Projekt zu Projekt, von Thema zu Thema hangelt. Sie funktioniert nur, wenn zur fachlichen und PR-Expertise auch die politisch-praktische Expertise kommt. Und sie funktioniert vor allem nur, wenn sie systemisch angelegt ist und so alle Stakeholder berücksichtigt. Berücksichtigt der Verein Digitale Gesellschaft dies, hat er nach wie vor eine Zukunft.

Es muss das Herz bei jedem Online-Gang bereit zum Abschied sein und Neubeginne: gruene-fraktion-bayern.de

 

Wie jedes IT-System welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jedes Upgrade,
blüht jede Webseite auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Online-Gang
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Webseite um Webseite durchklicken,
an keiner wie an einer Homepage hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten!

Kaum sind wir heimisch eines Content-Management-Systems
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Internetwelten jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

So hätte es wohl Hermann Hesse gesagt, wenn er Webprojekte gestaltet hätte. Ich durfte in den letzten Monaten als verantwortlicher Referent den Webauftritt von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag relaunchen und das Ergebnis kann sich erst einmal sehen lassen:

Die Seite erfüllt mit nur wenigen Abstrichen die Anforderungen der Barrierefreiheits-Verordnung und dient in erster Regel dazu Informationen aus dem parlamentarischen Betrieb an die interessierte Öffentlichkeit zu bringen. Was noch fehlt ist eine stärkere Einbindung von Social Media, die wir aber erst angehen, nachdem es dazu ein halbwegs belastbares Datenschutzkonzept gibt.

Die Seite geht in den nächsten Stunden online – je nachdem wie die DNS-Server drauf sind. Ich freue mich auf Feedback ;-)