Es hat sich ausgewulfft

Wulff

Den Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident konnte ich heute live im Fernsehen und im Kreis meiner Kolleginnen und Kollegen verfolgen. Nach drei Monaten voller Enthüllungen über Amigo-Wirtschaft und Vorteilsnahme aus seiner Zeit als Niedersächsischer Ministerpräsident hatte er sich als politisch-moralische Instanz selbst ins Aus manövriert.

Es waren an diesem Tag nicht die Medien, die den Präsidenten böswillig verfolgt und jetzt auch noch gestürzt haben, wie aus konservativen Kreisen verlautbart wird. Zwar waren die Medien als Korrektiv in der Sache wichtig, aber am Ende war es Christian Wulff selbst, der aus ganz persönlichen Gründen – nämlich einer staatsanwaltschaftlichen Untersuchung gegen ihn – den Hut nehmen musste. “Es ist kein Triumph der Pressefreiheit”, wie Michael Naumann im CICERO schreibt, vielmehr sei er in letzter Instanz das Ergebnis einer verfehlten Macht- und Personalpolitik Angela Merkels.

Wie es nun weitergeht: Morgen treffen Angela Merkel, Horst Seehofer und Philipp Rösler zu einem Treffen zusammen. Anschließend will man die Partei- und Fraktionsspitzen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ins Boot holen. Die Linke bleibt außen vor, nachdem sie es sich bei der letzten Bundespräsidenten-Wahl mit allen anderen Parteien verscherzt hat. Das Ziel ist dennoch ein überparteilicher Kandidat – vielleicht – eine Kandidatin.

Bis die Bundesversammlung in spätestens 30 Tagen zusammentritt, um einen neuen Bundespräsidenten zu wählen, fließt noch etwas Wasser die Isar hinab und Horst Seehofer darf als Aushilfs-Bundespräsident das Dreieck zwischen höchstem Staatsamt, Landesvater und CSU-Chef ausmessen. Wollen wir hoffen, dass er keine völkerrechtlichen Auseinandersetzungen vom Zaun bricht – das könnte er nämlich jetzt auch offiziell.

Der Vollständigkeit halber: Phoenix hat den Rücktritt auf Video dokumentiert und anschließend findet sich der Text der Rücktrittsrede.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Bürgerinnen und Bürger,

gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten angenommen und mich mit ganzer Kraft dem Amt gewidmet. Es war mir ein Herzensanliegen, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken. Alle sollen sich zugehörig fühlen, die hier bei uns in Deutschland leben, eine Ausbildung machen, studieren und arbeiten, ganz gleich, welche Wurzeln sie haben. Wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam.

Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten und einen guten Beitrag zur europäischen Einigung leisten kann, wenn die Integration auch nach innen gelingt.

Unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, braucht einen Präsidenten, der sich uneingeschränkt diesen und anderen nationalen sowie den gewaltigen internationalen Herausforderungen widmen kann.

Einen Präsidenten, der vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird.

Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen hat gezeigt, dass dieses Vertrauen, und damit meine Wirkungsmöglichkeiten, nachhaltig beeinträchtigt sind.

Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich sein, das Amt des Bundespräsidenten nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es notwendig ist.

Ich trete deshalb heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge frei zu machen.

Bundesratspräsident Horst Seehofer wird die Vertretung übernehmen, Bundeskanzlerin Angela Merkel wird auf der so wichtigen Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am Donnerstag der kommenden Woche sprechen.

Was die anstehende rechtliche Klärung angeht, bin ich davon überzeugt, dass sie zu einer vollständigen Entlastung führen wird. Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten. Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig.

Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.

Ich danke den Bürgerinnen und Bürgern, die sich für unser Land engagieren, ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bundespräsidialamt und allen anderen Behörden, die ich als exzellente Teams erlebt habe.

Ich danke meiner Familie, vor allem danke ich meiner Frau, die ich als eine überzeugende Repräsentantin eines menschlichen und eines modernen Deutschland wahrgenommen habe. Sie hat mir immer, gerade auch in den vergangenen Monaten, und auch den Kindern starken Rückhalt gegeben.

Ich wünsche unserem Land von ganzem Herzen eine politische Kultur, in der die Menschen die Demokratie als unendlich wertvoll erkennen und sich vor allem, das ist mir das Wichtigste, gerne für die Demokratie engagiert einsetzen.

Und ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern, denen ich mich vor allem verantwortlich fühle, eine gute Zukunft und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.

Europäische Bürgerinitiative: Eine Chance für Europa und die Netzgemeinde

Egal ob es um die Vorratsdatenspeicherung, die Zulassung genveränderter Lebensmittel oder den Umweltschutz an meinem Wohnort geht: Die Europäische Union hat weit mehr Einfluss auf unser tägliches Leben, also wir oft wahrnehmen. Diese „Wahrnehmungsstörung“ führt dazu, dass sich einzelne Bürgerinnen und Bürger selten als Europäer verstehen und einem politischen Engagement auf dieser supranationalen Ebene eher gleichgültig begegnen. Es liegt aber auch daran, dass es bisher wenig Möglichkeiten gab, europäische Politik mitzubestimmen. Und genau aus diesem Grund ist die Europäische Bürgerinitiative (EBI), die ab 1. April 2012 möglich sein wird, ein wichtiger Meilenstein (Verordnung über die Europäische Bürgerinitiative / Durchführungsverordnung für die Datensammel-Software).

Die EBI gibt Organisationen die Möglichkeit, Bürgerinnen und Bürger für ein Thema zu gewinnen und gemeinsam europäische Politik zu gestalten. Dabei ist klar: Es wird nicht Lieschen Müller sein, die eine EBI startet. Zu hoch ist der notwendige Professionalisierungsgrad um eine Million Unterschriften aus sieben EU-Ländern zu sammeln. Aber die Chancen sind hoch, dass gut aufgestellte Vereine und Verbände eine EBI erfolgreich durchführen können.

Die jetzige Umsetzung des neuesten Partizipationsinstruments der EU ist vor allem ein Sieg des EU-Parlaments über die Kommission. Diese wollte z.B. 9 Länder anstelle der jetzt 7 Länder als Ausgangsbasis vorschreiben, öffentliche Anhörungen waren nicht geplant und finden jetzt statt, und eine Open-Source-Software für die Online-Sammlung war nicht vorgesehen und musste nun von der EU-Kommission entwickelt werden. In der Politik passiert es ab und an, dass etwas beschlossen, aber nie umgesetzt wird, weil die praktischen Hürden zu hoch sind. Evaluationen – auch bei der Europäischen Bürgerinitiative nach drei Jahren vorgesehen – sind hier der vorprogrammierte Todesstoß. Gerade die Software für die Online-Sammlung von Unterschriften zeigt aber, dass es dem EU-Parlament mit der Europäischen Bürgerinitiative erst ist und das Instrument nicht nach drei Jahren den Evaluationstod sterben soll. Die EBI wird sich trotzdem an ihrer praktischen Umsetzung messen lassen müssen, vermutlich zuerst beim Thema Vorratsdatenspeicherung.

So ergeben sich zwei Chancen: Zum einen für die Idee eines von Bürgerinnen und Bürgern geprägten Europas, das all jenen, die über den Tellerrand der Nationalstaaten blicken, eine Identität aber eben auch eine Handlungsoption bietet. Zum anderen für die Netzgemeinde, welche die EBI nutzen kann, um sich international noch mehr auszutauschen, um an einem netzpolitisch wirklich grenzenlosen Europa zu bauen.


Weitere Informationen:

Papstrede im Bundestag: Huldigung statt Ehrlichkeit

Am 22.09.2011 wird das Oberhaupt des Vatikanstaats, der Papst, eine Rede im Bundestag halten. Zur Kritik daran verweise ich einfach mal auf den HPD, wo man auch nachlesen kann, wie sich die SPD bemüht, ihre freien Sitzplätze mit Ex-Abgeordneten zu füllen. Den Bock schießt aber Maria Flachsbarth, Religionspolitische Sprecherin der Unions-Fraktion in Fraktionsblog ab, wo sie im Vorfeld des Papstbesuchs einen Huldigungsartikel veröffentlicht hat.

Eine kritische Auseinandersetzung mit einem Staatsoberhaupt, gegen das seit heute wegen Vertuschung von Missbrauchsfällen Anklagen beim Internationalen Strafgerichtshof laufen und das so gegen die Gleichstellung von Homosexuellen ist, dass es deshalb sogar ausländische Diplomaten ablehnt, findet so sicher nicht statt. Vielmehr wird der Papstbesuch, dem nach den Missbrauchsfällen in Deutschland tatsächlich die Chance der Aufarbeitung innewohnt, von Unions-Seite politisch instrumentalisiert. Kritik wird tabuisiert und nicht zugelassen. Schade, denn damit wird eine ehrliche Kommunikation zwischen Deutschland und dem Vatikanstaat unmöglich.

Fahrenschon als DSGV-Chef im Gespräch

Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis (Foto: DSGV)

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) Heinrich Haasis geht mit 67 Jahren Anfang 2012 in den Ruhestand. Das wissen wir seit Anfang September und seit dem läuft die Suche nach einem Nachfolger.

Vorgeprescht ist Rolf Gerlach, Präsident der westfälischen Sparkassen. Er gilt zwar als durchsetzungsstarker Sparkassen-Manager, aber mit seinen 57 Jahren und seinen aktuellen WestLB-Problemen ist er nicht gerade ein Zukunftszeichen für den DSGV. Dass die Suche nach einem Kandidaten für den hoch dotieren Posten des DSGV-Präsidenten deshalb auch in die (Unions-)Politik führt, ist beim konservativen Sparkassen-Verband nicht verwunderlich. Die personellen Vernetzungen von der Kreis- bis zur Bundesebene sind fast schon traditionell.

Und so berichtete die Süddeutsche Zeitung am Wochenende, dass der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon (43, CSU) als Nachfolger von Haasis im Gespräch ist. Fahrenschon ist Volkswirt und arbeitete u.a. bei der BayernLB als Fachreferatsleiter Risiko & Controlling. Von 2002 bis 2007 saß er im Bundestag, wo er von 2005 bis 2007 den Arbeitskreis Haushalt und Finanzen der CSU-Landesgruppe führte. Anschließend wechselte er als Staatssekretär ins Bayerische Finanzministerium und seit Oktober 2008 ist er Finanzminister. Den DSGV kennt Fahrenschon also aus seiner Arbeit – u.a. als Beiratsmitglied des bayerischen Sparkassenverbandes – gut. Und da er in der Aufarbeitung des BayernLB-Debakels zwar CSU-Granden zur Rechenschaft zog, die mangelnde Aufsicht der Sparkassen, denen die BayernLB zur Hälfte gehört, aber nie thematisierte, ist er dort auch wohl gelitten. Bankenkreise trauen dem CSU-Politiker zu, zwischen Sparkassen und Politik zu vermitteln und den Verband auch fachlich versiert zu führen. Damit liegen sie vermutlich nicht falsch, denn selbst politische Gegner sehen in Fahrenschon einen der profiliertesten Finanzpolitiker der Union.

Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon (Foto: Gerhard Blank)

Zum Leidwesen der CSU ist er aber auch ihr einzig verbliebener Finanzpolitiker. Aus den Reihen der Fraktion bieten sich weder Haushaltsausschuss-Vorsitzender Georg Winter noch andere Ausschuss-Mitglieder als großartige Nachfolger Fahrenschons an. Auch Finanz-Staatssekretär Franz Josef Pschierer, der sich gern als Bayern-CIO tituliert, ist eher unbekannt. Bleibt noch der stille Thomas Kreuzer, der den BayernLB/HGAA-Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag geleitet hat. Als Belohnung für seine akribische und durchaus ansehnliche Arbeit wurde er zum Staatssekretär befördert: Allerdings ins Kultusministerium, was für den Aktenliebhaber Kreuzer eher eine Strafe ist. Neben Minister Ludwig Spaenle war im Kultusministerium darüber hinaus noch nie Platz für einen Staatssekretär – noch dazu aus dem gleichen Bezirksverband. So dürfte mittlerweile die Frustrationsschwelle bei Thomas Kreuzer so hoch sein, dass er gerne ins Finanzressort wechseln würde.

Alles in allem wäre ein Weggang von Georg Fahrenschon zum DSGV aber ein herber Verlust für die CSU, der – trotz aller Personalspiele – nicht zu ersetzen ist. Nach dem BayernLB-Debakel hat die Partei enorm an inhaltlicher Glaubwürdigkeit verloren und in der aktuellen Euro-Krise begibt sie sich mit der Forderung nach Ausschluss von Griechenland aus der Euro-Zone eher in die Populismusfalle. Mit dem Verlust von Georg Fahrenschon würde die CSU nun aber auch personell finanzpolitisch trocken gelegt.

Barrierefreiheit als Botschaft: Das Wahlprogramm der Berliner Grünen

Die Berliner Grünen haben, wie es sich für eine Partei gehört, ein Wahlprogramm für die Abgeordnetenhauswahl am 18.09.2011 erstellt. Nun sind Wahlprogramme so eine Sache. Die Einen finden sie zu abstrakt, die Anderen zu konkret. Den Einen wird zu viel Wert auf ein Thema gelegt, die anderen zählen Wörter und beschweren sich über zu wenig Beachtung. Die Einen wollen 300-seitige Pamphlete, um auch wirklich alle Aspekte eines Themas zu berücksichtigen, die anderen am liebsten nur Stichpunkte. Was am Ende in Koalitionsverhandlungen und in Regierungsverantwortung von einem Wahlprogramm übrig bleibt, ist dann wieder eine ganz andere Sache.

Aber nicht nur der Inhalt des Wahlprogramms zählt, sondern auch die Form. Oder wie Marshall McLuhan feststellte: „Das Medium ist die Botschaft.“ Und mit Wahlprogrammen in verschiedenen Formen können auch die unterschiedlichsten Bedürfnisse befriedigt werden. So gibt es das Berliner Grünen-Wahlprogramm als normale Langfassung (PDF), mit Videos aufbereitet auf der Webseite und als Version in Leichter Sprache. Zusätzlich gibt es das Wahlprogramm nun auch als Video, vorgelesen und in Gebärdensprache gedolmetscht.

 

Barrierefreiheit ist in der Kommunikation mittlerweile ein nicht zu vernachlässigender Aspekt. Zum Jahresende 2009 wurden lt. Wikipedia insgesamt 7,1 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland statistisch erfasst; das waren etwa 184.000 oder 2,7 % mehr als zwei Jahre zuvor. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 8,7 %.  Zum Vergleich: Lt. Wolfram Alpha gibt es in Deutschland ca. 10,7 % Selbständige. Die Zielgruppe ist also nicht groß – auch wenn sie aufgrund der undifferenzierten Datenlage schwer zu beschreiben und nach allgemeiner Auffassung eher “unsexy” ist. Photo-Ops hat man als Politiker halt lieber mit erfolgreichen Unternehmern als mit normalen Bürgern mit Behinderung – die Spenden auch nicht so viel. Aber Wahlen werden nicht in der Bunten gewonnen, sondern in der Wahlkabine.

Darüber hinaus zeigen Politiker, Parteien, Verbände und Unternehmen mit barrierefreien Angeboten nicht nur direktes Interesse an der Zielgruppe behinderter Mitmenschen, sondern machen auch deutlich, dass sie sich generell über Integration/Inklusion, die eigene soziale Verantwortung und das gesellschaftliche Miteinander Gedanken macht. Deshalb sollten barrierefreie Angebote mittlerweile zur Standardaustattung jeder Kampagne gehören.